Reisebericht Steffi Balke November 2018- Racari und Barlad

8 Tage Rumänien, insgesamt 700 km Autofahrt und viele Eindrücke.

Racari Shelter

Nach einem privaten Besuch einer Tierschützerin in Craiova, fahren mein Mann und ich los ins 200 km entfernte Racari Shelter. Es regnet in Strömen, drei Grad Außentemperatur und dazu eine abenteuerliche Fahrkultur der Rumänen, lassen uns darum beten in einem Stück anzukommen. Unzählige Vollbremsungen auf dem Weg lassen meinen regulär recht entspannten Mann doch sehr unentspannt werden.  Auf dem Weg habe ich 39 Hunde gezählt, in allen Größen. Viele davon sitzen einfach an der Straße, im Regen und schauen vor sich hin, andere haben wenigstens einen kleinen Verschlag gebaut bekommen. Mehr als einmal verspürt, dass deutsche Tierschützer Herz in mir den Wunsch anzuhalten und das Auto voll zu laden, es bleibt beim Wunsch…ich bin ja nicht zum ersten mal in Rumänien.
Wir fahren auf einem Feldweg hinter die Wohnhäuser und dort ist es, das städtische Shelter von Racari. Bianca hat den Vertrag mit dem Bürgermeister geschlossen und kümmert sich ,zusammen mit einem Arbeiter der Stadt, um das Shelter. Dieser wohnt auf dem Gelände. Natürlich wird unsere Ankunft als erstes von den Hunden bemerkt. Der Arbeiter läßt uns hinein, mein erster Besuch in einem rumänischen Shelter beginnt mit dem Blick auf Hunden an der Kette. Gelbe Hundehütten sorgen dafür das sie einen geschützten Schlafplatz haben. Diese Hunde sind unverträglich mit anderen Hunden, Einzel Zwinger sind purer Luxus in Racari und einfach nicht vorhanden. Das Gelände ist schlammig, kein befestigter Weg vorhanden, somit schlittern mein Mann und ich über den, vom immer noch fallenden Regen völlig aufgeweichten, Boden. Ein Gebäude steht mitten auf einem Rasen, links und rechts davon die Hunde an Ketten. Gerümpel steht herum, Baumaterial und rostige Metallteile und dazu eine Sinfonie aus Hundegebell vom ganzen Gelände. Ich muss schlucken und denke mir, das ich deutsche Erwartungen nicht haben darf. Also versuche ich, wertfrei, mir ein Bild zu machen. Der Arbeiter führt uns weiter auf das Gelände, vorbei an den beiden neuen Welpen Zwingern. Die Welpen tapsen neugierig aus ihrer Hütte und schauen wer da kommt. In einer Reihe stehen sie am Gitter, wem geht da nicht das Herz auf. Gleichzeitig zittern sie ganz doll, es ist so unglaublich kalt, nass und dazu auch noch windig. Ich friere ja jetzt schon und bin eingemummelt in meine Jacke und Schal. Die Mini Mäuse mag ich einfach unter meine Jacke stecken, es sind aber definitiv zu viele und ich ertappe mich erneut bei unrealistischen Gedanken. Also weiter zu den Zwingern mit den erwachsenen Hunden. Zwei Reihen mit Zwingern, die Türen und Gitter stehen sich gegenüber, dazwischen ein schlammiger Boden. Als wir um die Ecke biegen bleibt mir die Luft weg, es ist so unfassbar laut. Alle bellen und schauen wer da kommt. Die Lautstärke tut mir weh und mein Mann und ich schauen uns an, ich kann nur ein “Wow” mit den Lippen formen. Wir gehen bis zum Ende der Zwinger und ich schaue mich um, lass das kurz sacken und hoffen sie beruhigen sich etwas, so das ich Videos und Fotos machen kann. Aktuelle Bilder und Videos sind immer gut und für potenzielle Herrchen und Frauchen wichtig. Erste Kontaktaufnahme mit einem braunen Hund der mich freundlich an wedelt und nicht bellt. Ich bekomme Küßchen an der Hand. Der Arbeiter öffnet den Zwinger daneben, 2 Schäferhundmischlinge, und winkt mich herein. Einer der beiden schnüffelt kurz und geht der andere springt mir direkt mal mehrfach in die Seite und haut mich fast um. Er erwischt mein Handy und es segelt knapp am Wassernapf vorbei und landet. Puh, nix passiert, Handy lebt. Ich geh mal besser wieder raus, der stürmische Kandidat beruhigt sich nicht. Da viele Hunde meinen Mann anbellen, bitte ich ihn zu gehen, in der Hoffnung, es kommt mehr Ruhe in die Situation. Das klappt sogar, es wird etwa leiser, einige beruhigen sich etwas. Ich gebe sehr schnell auf, Fotos zu machen und entscheide mich erstmal Videos von allen Zwingern zu machen. Diese werdet ihr dann bald bei den Racari Hunden in den Alben finden. Je nach Charakter verstecken sich die Hunde hinten in der Hütte, bellen mich an, freuen sich oder ich werde skeptisch beäugt und ein Sicherheitsabstand wird eingehalten. Zwinger für Zwinger arbeite ich ab. Immer wieder gibt es ernsthafte Streitereien, wo der Arbeiter dazwischen gehen muss, einige Hunde rennen und springen regelrecht gegen die Zwinger Gitter und wollen einen Hund im Nachbar Zwinger an die Gurgel. Auch um meine Aufmerksamkeit wird teilweise gekämpft, mit den Zähnen. JETZT verstehe ich erst richtig was gemeint ist mit “ Zwinger Verhalten”. Oft entpuppen sich Hunde in einem neuen Zuhause als Wundertüten, da das Leben im Shelter einfach nicht vergleichbar ist mit einem Leben in einer Menschenfamilie. Irgendwann bin ich fertig, alle Zwinger und Hunde sind begutachtet und gefilmt. Da die Hunde nach wie vor sehr gestresst sind und ich langsam einfriere, entscheide ich mich auf Fotos zu verzichten. So leid es mir tut, ich höre ich auf mein Bauchgefühl und lasse sie lieber zur Ruhe kommen, oder vielleicht auch mich selbst? Zum Schluß noch Videos von den Welpen, ich darf in den Welpen Zwinger und hocke mich auf den Boden. Fast alle stürmen auf meine Beine, klettern am Arm hoch und ich bräuchte viel mehr Hände um ihnen gerecht zu werden. Viele von ihnen haben bereits ein Zuhause, andere noch nicht. Zum Schluß geht es ins Haus, dort sind gerade die jüngsten Welpen untergebracht. Ein Knäuel von Köpfen und Körpern und ein etwas älterer Welpe, der mich glatt anknurrt als ich näher komme. Sie alle müssen den Winter erst einmal überleben, bis sie alt genug sind um ausreisen zu dürfen. Kurz darauf sind wir nass und halb erfroren im Auto zurück und ich bin emotional aufgewühlt und muss das Gesehene erstmal verarbeiten. Mein erster Besuch in einem städtischen Shelter, ein kleiner Schock, aber eben die Realität in Rumänien. Ich bin dankbar das in diesem Shelter keine Hunde verhungern oder getötet werden, dank Seelen für Seelchen, unseren Futter Paten und unseren Unterstützern.

Das Help Azorel Shelter in Tutova bei Barlad

Morgens um 10 Uhr fahren mein Mann Mike und ich auf den Lidl Parkplatz in Barlad, dort sollen wir Lucia treffen, die das Help Azorel leitet. Mein erster Blick geht auf einen weißen großen Hund, der eingerollt mitten auf dem Parkplatz schläft, genau so das die Autos an ihm vorbei fahren. Ich gehe hin und hoffe er atmet, das tut er, also lege ich vorsichtig etwas zum knabbern vor ihn. Er öffnet ein Auge und schläft dann weiter. Ich denke mir “ Das in Deutschland. Polizei, Feuerwehr und Tierrettung wären alarmiert” hier interessiert das niemanden.

Dann kommt Lucia und wir fahren los, raus aus der Stadt in einen kleinen Ort, Lucia wedelt mit der Hand nach rechts auf einen unbefestigten Weg. Lucia spricht kein englisch ,somit ist die Hand und Fuß Sprache nötig. Wir fahren 5 Minuten einen holprigen, rutschigen Weg entlang, mitten im Nirgendwo. Dann kommen Gebäude in Sicht. Nochmal einen Schlammweg entlang und angekommen. Das nächste mal mieten wir besser einen Jeep, das steht fest. Ein U-förmig gebautes Shelter, das im Matsch versinkt, und natürlich jede Menge Hundegebell erwarten uns. In der Mitte stehen einige Hundehütten, ein kleines Futter Lager ist zu erkennen und vorne am Tor ist ein Brunnen, solche kennen viele nur aus Filmen.
Als erstes begrüßt uns ein Hunde Komitee mit einem bulligen Rüden an der spitze. “Oha” . Durch die Tür gequetscht, soll ja keiner entwischen, und dieses riesen Tier entpuppt sich als Kuschel Monster. Ich bin 1,60m klein und hab erstmal die Pfoten auf der Brust und ne Zunge am Kinn.

Die anderen freien Hunde wuseln um uns herum und beschnuppern uns. Meine Jacke interessiert es mittlerweile nicht mehr ob da noch ein bisschen Schlamm dran kommt, fällt nicht auf. Ein Mann säubert bereits fleißig die Zwinger.Also laufen wir eskortiert von Hunden nach hinten in die, ja was, Menschen Unterkunft… Ein dunkler Holzverschlag, Tüten sind an die Decke gebunden, so sind sie sicher. Lucia zieht sich um und fängt an die Hunde zu füttern.
Mein Mann und ich müssen die Hunde fotografieren und Videos filmen. Der komplette Boden ist matschig, auch der Boden in dem nicht überdachten Bereich der Zwinger. Hunde bellen sobald wir in Sicht kommen, andere sitzen still im Hintergrund, andere stehen da und wedeln uns freundlich an. Die bellenden Hunde überwiegen aber ganz klar. Also fotografieren und filmen wir knapp 2 Stunden, ein Hund nach dem anderen. Irgendwann nehme ich den Einzelnen gar nicht mehr wahr und mache eine Pause. Meine Schuhe sind ein Schlammklumpen und ich fluche für mich, warum ich die Regenstiefel Zuhause gelassen habe. Ich verbuche das als Erfahrung, das erste mal Shelter besuchen hat seinen Preis, meiner ist nasse Füße, dauernd. Ich bemerke das dieses Kuschel Monster immer zwischen mir und meinem Mann hin und her pendelt, und prüft ob alles okay ist , kurz mal nen Streichler abholen. Schlaues Kerlchen. Die Hunde haben mittlerweile Essenszeit und wir wollen sie nicht stören, also stehe ich da in der Mitte und lasse das Help Azorel Shelter das erste Mal bewusst auf mich wirken. Es wirkt, gerade bei diesem kalten nassen Winterwetter, sehr trostlos und düster. Ein Zwinger neben dem Nächsten, Beiß Schutzwände dazwischen, so das der von nebenan nicht den Nachbarn beißt. 2-4 Hunde auf 6qm, auch Lucia hat Hunde aus dem Little Souls Home genommen, somit ist auch hier überbelegt. Die Stimmung schwenkt bei mir in Traurigkeit um und ich weiß, das es nicht alle in ein eigenes Körbchen schaffen werden. Genug davon, ich muss Fotos machen, also weiter. Handy gezückt, an den Zwinger ran, bellende Hunde an der Hand schnuppern lassen, sie beruhigen sich (oder auch nicht) und Fotos schießen. Zwischendurch auch mal kurz ein wenig die Ohren kraulen oder die Nase streicheln.  Aber auch der ein oder andere Schnapper ist dabei “UiUiUi, das war knapp” und damit das Prädikat “schwierig” eingehandelt, leider. Die Chancen auf ein passendes Körbchen sind so verschwindend gering. Als wir fertig sind, sind wir auch wirklich fertig, kalt, nass, schlammig, Ohrensausen vom Gebell. Wir knuddeln noch ein wenig die Hunde die frei herumlaufen. Der Arbeiter spricht ein wenig englisch und sogar 5 Wörter deutsch. Er ist so freundlich, lächelt viel und liebt Hunde. Er erzählt er habe 11 Hunde Zuhause und das er den Brunnen konstruiert hat, womit sie nun das Wasser fördern. Er hat heute unzählige Male Wassereimer nach oben geholt.

“Eine ganz andere Welt als unsere” ist das was mir durch den Kopf schießt. Zum Schluss wird noch das Futter Lager repariert, da wurde versucht einzubrechen, welcher Schlingel aus der Mitte wird das wohl gewesen sein, wir wissen es nicht. Dann endlich geht es ins Auto… wo ich natürlich, ne halbe Stunde, mit einem Stock meine Schuhe vom Schlamm befreie…was auch sonst..ich will so dringend einen Kaffee.

Das Little Souls Home in Barlad 

Nach 4 Stunden Fahrt von Bukarest nach Barlad, stehen wir vor dem Little Souls Home, es ist später Nachmittag.
Hier werden wir 2,5 Tage verbringen.
Ein Maschendrahtzaun mit Tor, einige Zwinger sind zu sehen und auf der rechten Seite eine Container mit 2 Türen.
Das erste was ich sehe ist ein schwarzer Junghund (fast noch Welpe) der auf uns zu springt, was für eine süße Begrüßung.
Leider empfängt uns auch hier eine enorme Wucht an Hundegebell. Wow. Ich frage mich, wie ich das die nächsten Tage, den ganzen Tag, aushalten soll.
Kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen, geht die Tür des Containers auf und Luiza Lu kommt uns entgegen.
Eine Umarmung ein Hello und schon muss ich mich gegen einen weißen Junghund verteidigen der an mir zerrt. Hallo Joyce, du bist ja frech.
Wir gehen in den Container, da Luiza und die anderen eigentlich schon im Feierabend sind und nur für uns noch geblieben sind.
Der kleine schwarze Hund springt mit rein und schmeißt sich vor einen Gasofen auf eine Decke. Dort wird er die nächsten Tage oft sein. Wir begrüßen alle, 2 Stühle werden frei gemacht, und wir reden über dies und das.
Viele Dinge müssen besprochen werden, durch die Veränderung in Barlad und im Verein selbst. Luiza ist auch beim Open Shelter involviert, auch da muss einiges besprochen werden.
Persönlich besprechen ist einfach besser als das ewige Messenger schreiben. Vor mir steht ein Körbchen aus Holz ,in dem eine Decke liegt, plötzlich bewegt sich was und eine Pfote schaut unter der Decke hervor.
Ich frage natürlich wer das denn ist, Luiza schaut traurig , hebt die Decke und ich sehe 4 Welpen, alle mehr tot als lebendig. “Staupe” bekomme ich gesagt und das es wahrscheinlich ist, das sie morgen früh nicht mehr leben.
Oh, das ist ein kleiner Schlag in die Magengrube. Ich weiß es ja und es gehört bei uns dazu das die Welpen ohne Mutter fast keine Chance haben, aber jetzt sehe ich welche, sehe wie sie atmen und kämpfen.
Ich streichle alle einmal vorsichtig, ein wenig Liebe schenken, wenigstens das kann ich tun. Stille Tränen kann ich nicht ganz unterdrücken.
Es wird Zeit und wie verabreden uns für den nächsten Morgen. Wir fahren zur Pension und ruhen uns erstmal etwas aus.

Am nächsten Morgen sind wir Pflicht versessen sogar früher als Luiza und Valy da. Ein Arbeiter ist bereits bei der Reinigung der Zwinger des öffentlichen Shelters.
Also tief Luft holen und rein. Es ist erstaunlich leise, alle Hunde im vorderen Bereich schauen traurig durch die Gitter , keiner bellt, das ist schon etwas gruselig.
Links stehen 2 Schuppen, einer ist Lagerraum der andere sowas wie ein Aufenthaltsraum, nach rumänischen Vorstellungen. Davor ist eine Betonfläche, Holzteile und ich sehe Löcher.
Direkt geradeaus etwas links ist eine doppelt Zwinger Reihe, die Zwinger sind sehr flach, das fällt sofort auf, sie sind vielleicht 1,60m hoch.
Rostige Metall Zwinger, die für mich so aussehen als ob sie gleich umfallen und entsorgt werden müssen.
Wir gehen weiter und laufen zwischen Zwinger und Schuppen entlang, mit Blick auf eine weitere doppel Zwinger Reihe, diese sind hoch gebaut und ähneln denen im LSH vom Aufbau. Jetzt geht das Bellen plötzlich los.
Wir gehen die Reihe entlang und werden nicht nett empfangen, mir wird mulmig, aber ich bin ja Tierschützer. Also halte ich mutig meine Hand an einen Zwinger und prompt wird geschnüffelt und nicht gebellt.
Mein Mann wird aber weiterhin ziemlich heftig begrüßt. Ich schaffe es mit einigen eine kleine Freundschaft zu beginnen, aber die Skepsis ist ihnen ins Gesicht geschrieben.
Die Holzhütten sind in einem schlechten Zustand und ich weiß das wir neue Hütten aufstellen wollten, aber der Bürgermeister hat ein striktes Verbot verhängt nichts zu ändern oder zu tauschen, warum auch immer.
Dieses Shelter ist der “alte” Teil, den wir bis zum 1.11.2018 verwaltet haben und der jetzt wieder in der Hand des Bürgermeisters ist.
Trotzdem sorgen Luiza und ihr Team für die Hunde, sie bekommen ausreichend Futter, frisches Wasser und die Zwinger werden vom Arbeiter gereinigt.
Zumal auch noch über 30 Hunde von uns dort untergebracht sind. Die restlichen hat eine befreundete Tierschützerin adoptiert.
Ab Januar wird es brenzlig und alle Tierschützer in Barlad helfen mit ihren Vereinen im Rücken, so schnell wie möglich für Entlastung und Versorgung der Hunde, mehr ist gerade nicht möglich.
Es wird mit dem Bürgermeister verhandelt und immer wieder werden Gespräche zur Zukunft geführt, aber es gestaltet sich etwas zäh, somit gibt es noch keine festen Aussagen, die wir euch geben könnten.
Luiza ist mittlerweile eingetroffen und stößt zu uns. Ich habe genug gesehen und gute Laune in dieser Umgebung zu haben ist schwer, somit erstmal zurück in den Container, umziehen.
Wir stehen draußen und warten wo wir helfen können, umgeben von diesem Gebell. Joyce, diese kleine Teufelin, hat mich erneut entdeckt und piesackt mich mit ihren Welpen Zähnen.
Füße, Knie, Jackenärmel, Finger, Handschuhe, nichts ist sicher und sie verdammt hartnäckig. Mein Mann hört nicht auf zu lachen und filmt das Ganze. Na das wird ne Erinnerung!
Wir bekommen die Aufgabe Wasser Näpfe sauber zu machen und zu befüllen. Es hat gefroren über Nacht, somit rücken wir mit Hammer und Bürste in den Shelter vor.
Leider gehen die Kerzen für den Wassernapf Wärmer immer aus und es friert dann doch zu. Das war wohl doch nicht optimal gebaut.
Es ist um die 0 Grad kalt und mein Mann überlässt mir den Part, die Zwinger zu öffnen, die Näpfe zu angeln und sie ihm raus zu reichen, er macht dann die Männer Arbeit und schlägt das Eis auf.
Das betreten der Zwinger ist jedes mal anders und mir ist, ehrlicherweise gesagt, auch mulmig zumute, da als Fremde einfach rein zu marschieren.
Außerdem gleicht der Zwinger einem Minenfeld aus Kot und Urin. Jipie, zum Glück bin ich nicht empfindlich.
Aber nach 3 Zwingern hat man es raus, wie man rein und raus kommt ohne das Hunde entwischen, und wie man die Hunde händelt.  Einige sind außer sich vor Freude einen Menschen zu sehen, der vielleicht sogar kurz Zeit hat eine Streicheleinheit zu verteilen.
Andere verkriechen sich in die Hütten, die nächsten verbellen im größtmöglichen Abstand, mich , den Eindringling.
Ich möchte ihnen manchmal sagen ” Hey, ich bin aus Deutschland und da ist ein riesen Team das versucht für euch ein Zuhause zu finden und das für Futter sorgt” , aber was bringt das?
Sie wissen es nicht und werden es auch nie verstehen, das sie mehr oder minder Glück im Unglück haben.
Je nach Größe der Hunde und Zwinger sind 2-5 Hunde in den Zwingern und schnell weicht ein Hundegesicht dem nächsten, wie schnell das geht , das man sich vielleicht noch an den freundlichen im letzten Zwinger erinnert, aber der Rest ?
Wer war da noch drin ? Ohje. Da ich im Verein auch nichts mit der Vermittlung oder Patenschaften zu tun habe, kenne ich nicht mal ihre Namen. Es sind so viele.
Zwinger für Zwinger verrichten mein mann und ich die Arbeit, es läuft immer reibungsloser und beim 20. sind wir schon im Arbeitsrythmus.  Sobald ich Luft habe, wird gestreichelt und sie dürfen schnüffeln soviel sie wollen.
Meine Jacke und Schuhe sind schon seit dem 1. Zwinger nicht mehr sauber, aber das stört mich absolut nicht, Hundepfoten Abdrücke sind spitze als Deko. Nur das ich langsam anfange nach Urin und Kot zu riechen trübt es etwas.
Oha, jetzt stehe ich vor einem Zwinger und weiß absolut nicht wie ich da rein kommen soll, 4 große Hunde, direkt an der Tür.
Ich löse den Schieber und sie drücken sofort, ich taumel nach hinten und mein Mann reagiert und schiebt schnell die Tür wieder zu, puh zum Glück hab ich nen Bär als Mann.
Okay, was jetzt…zweiter Versuch, neue Taktik…. auch die scheitert. Mein Mann und ich entscheiden das wir das besser lassen. Sie müssen auf die Veteranen warten.
Jetzt sind wir am Welpen Haus und puschlige, aufgeplusterte Fellkugeln mit Beinen wetzen aus dem Haus, die Mama im Schlepptau. Aaaaaah, ich sterbe, sind die süß.
Ich will alle haben, ich höre das seufzen meines Mannes hinter mir. “Schaaaatz, schau mal, sind die nicht total schöööön?” ” Ja, Schatz, total süß” kommt es mit einem “Ohje-das-wird-dauern” Unterton von ihm.
Also werden erstmal die Welpen mit ihrer tollen Mama begrüßt und bekommen auch ihre Streichler, geht ja nicht, das aus zu lassen. Mein Mann will weiter machen und ich löse mich von den Puscheln.
Mein Herz ist glücklich, trotz dieses Ortes. Und fällt euch was auf ? Ich habe das Hundegebell nicht mehr erwähnt. Erstaunlich aber wahr, ich nehme es nur am Rande wahr.
Unser Gehirn ist schon erstaunlich, wird einfach gefiltert. Meinen Mann anbrüllen muss ich trotzdem damit er mich versteht. Plötzlich rasten alle Hunde gleichzeitig aus, sie schauen alle in eine Richtung und bellen wie verrückt.
Autsch, das tut weh, und zur Hölle es geht doch noch lauter. Also folge ich dem Blick der Hunde und sehe etwas erhöht hinter dem Shelter einen Hund draußen rum streifen.
Als dieser erschrocken entschwindet wird es wieder leiser, die Hunde rollen sich teilweise wieder ein und schließen die Augen. Ich habe die 40 überschritten aber mir fällt dazu nur ein “Krass” ein.
Also weiter Wasser Näpfe putzen und füllen.  Luiza kommt auf uns zu und sagt das wir super Arbeit machen, die Näpfe würden vor Sauberkeit funkeln.  Ah, das tat gut.  Danke, wir bemühen uns.
Es wäre aber gut wenn wir ihnen hinterher gehen, da sie den Kot entfernen, um dann das Wasser aufzufüllen.
Ähm, ja macht Sinn, wo sie es so sagt.
Also zum anderen Ende und da weiter machen, wir erledigen also unsere Arbeit in den bereits geputzen Zwingern.
Vier Stunden später sind wir fertig, Schmerzen im Kreuz, eingefrorene Finger und Klamotten die aussehen als hätte man ne Schlammschlacht ausgefochten. Der Geruch ist , sagen wir, eines Stinktiers würdig.
Jetzt noch Futter in die Zwinger, da klinken wir uns aus, ab ins Büro. Kaffee bitte.  Joyce hat mich natürlich direkt wieder im Visier als ich zum Container laufe, ich kann sie abschütteln und mich rein flüchten.
Ich stehe an der Kaffeemaschine und mir fallen die Welpen ein,  ich drehe mich um, und sehe das nur noch ein Welpe da ist,  er sieht alles andere als lebendig aus.
Im unteren Regal sehe ich noch eine Hundeschnauze, der gleiche Wurf , sie sieht viel besser aus und scheint ihre Umgebung wahr zu nehmen. Oh Gott sei dank.
Die anderen sind dann auch fertig und ich frage Luiza.  Sie sagt drei Welpen sind verstorben und die im Regal ist vom gleichen Wurf, aber sie ist durch das Gröbste durch und hat eine 50/50 Chance.
Wir reden noch ein wenig und es werden noch Arbeiten verrichtet die anliegen. Medizin wird verabreicht und repariert was zu reparieren ist.  Der Tag im LSH neigt sich dem Ende zu, morgen fahren wir ins Help Azorel.

Einen Tag später sind wir wieder im Little Souls Home,  heute regnet es, nicht stark, aber unablässig, das wird ein heftiger Tag. Morgen fliegen wir schon wieder nach Hause, also Zähne zusammen beißen und durch.
Der Welpe im Korb ist weg, aber der im Regal ist noch da und wedelt mich sogar heute an, als ich rein komme. Traurigkeit und Freude mischen sich in einem Moment. Das haben sie hier ständig, ich frage mich mal wieder wie die unzähligen
Tierschützer vor Ort, das emotional aushalten, es ist so grausam und man ist so hilflos. Warten und hoffen das die Medikamente anschlagen, das war es und es sterben so viele.
Da Luiza und Valy im Rathaus sind fängt Bogdan allein an mit den Zwingern. Ich wollte eigentlich heute Fotos machen, das kann ich nicht verschieben, aufgrund der Menge der Hunde.
Mein Mann guckt schief und sagt ” Was solls, ich helfe ihm.” Er schnappt sich den Besen und stiefelt in den ersten Zwinger und fängt an Kot auf zu fegen und den Boden danach einmal abzuspritzen.
Bogdan lächelt ihn an und bedankt sich so, sein englisch ist nicht sehr gut, aber ein Lächeln versteht jeder.
Also mache ich mich daran die fertigen Zwinger abzufotografieren, niemand mag Kot Haufen auf Fotos.  Es ist durch den Regen und das abspritzen eine Flüssigkeit auf dem Boden.
Ich weiß sicher das es eine Mischung aus Regen, Urin und Kot ist, weil ganz weg bekommt man das nicht auf Betonboden.  Und es riecht danach, ganz sicher.
Nach 5 Zwingern ist meine Hose patschnass, meine dicke Jacke ist nass und meine Schuhe sehen mal wieder aus wie aus dem Müll gezogen.
Das wirklich eklige ist, da ich so klein bin, spritzt mir ständig die Flüssigkeit ins Gesicht. Wenn ich draußen stehe und Fotos mache springen einige Hunde am Gitter hoch und spritzen so das Wasser hoch, gehe ich rein, um auch die in den Hütten zu erwischen, muss ich in die Hocke.
Und das ist die Aufforderung für alle freundlichen Hunde auf mir rum zu klettern, mich anzuspringen, mich zu stupsen ( was mich 3x an diesem Tag auf dem Po landen lässt) und wieder landet alles auf der Hose oder Jacke oder im Gesicht. Igitt!
Ich kann gar nicht ausdrücken wie sehr ich da an meine Grenzen gegangen bin. Zum Glück bin ich Brillenträger, aber Mundschutz wäre so schön gewesen, aber da denkt doch keiner dran.
Nach einem Viertel der Zwinger hab ich genug.  Ich brauche eine Pause.  Ich bin mega stolz auf meinen Mann, der auch ganz tapfer durchhält, was dieses Team jeden Tag seit Jahren macht.
Er ist der Typ der noch nicht mal Salzstangen aus einem Glas ist, die könnte ja jemand angefasst haben. Und da steht er und schaufelt Kot aus Zwingern.
Danke mein Schatz, das hast du dir an dieser Stelle verdient. Alles für mich, deine bekloppte Tierschutzfrau.  Ich weiß das viele Frauen gern so einen Mann hätten, ich habe ihn.
Luiza und Valy sind wieder da, ein Vormittag beim Anwalt und im Rathaus.  Luiza ist genervt und sagt die Zeit könnte sie bei den Hunden besser verbringen.
Gemeinsam geht es jetzt schneller, alle Zwinger zu putzen und zu versorgen.
Ich sehe heute so viele frierende Hunde, sie zittern und kuscheln sich in die Hütten, teilweise allein , manche auch zusammen.
Beim Fotos und Videos machen begegnen mir einige super freundliche Hunde, die sich so sehr über Aufmerksamkeit freuen und ganz aus dem Häuschen sind oder sie stehen ruhig da, schließen die Augen und genießen meine streichelnde Hand.
So schaue ich wie sie zum Menschen stehen und inwiefern welcher Adoptant geeignet ist oder auch nicht. Gleichzeitig ist es für sie ein Moment menschliche Nähe zu erfahren, und sie zu genießen.
Andere würden gern hinten wieder aus dem Zwinger raus, nur geht das nicht, also lasse ich sie in Ruhe, es ist kalt und nass, sie brauchen ihre Energie.
Die wenigstens sind wirklich “gefährlich”, sobald sie merken man tut ihnen nichts,  hören sie auf Zähne zu zeigen,  aber den Mut da rein zu gehen brauche ich trotzdem.
Einige werden vom Wolf zum Schaf,  wenn man ihnen Leckerchen anbietet,  die nächsten erschrecken sich, das man trotzdem rein geht.  Einmal in die Hocke,  Hand hin,  schnüffeln lassen und schon ist man gar nicht mehr so bedrohlich.
Den Tag schließen wir wieder mit Gesprächen, platschnass und frierend. Ach ja und stinkend, natürlich … und Joyce war heute sogar total nett und hat mich nicht einmal gepiesackt, fällt mir auf, die süße Teufelin.

Der nächste Morgen hat ein straffes Programm, da ich gestern nur die Hälfte der Zwinger fotografiert habe. Also rückt mein Mann aus ins öffentliche Shelter um da unsere Hunde aufzunehmen, ich mache im Little Souls Home weiter.
Wir schaffen es tatsächlich und haben sogar noch etwas Zeit bevor wir nach Iasi fahren,  von wo unser Flieger startet.
Heute werden Hunde aus dem öffentlichen Shelter kastriert. Ein Kastrationsmobil von LH2L ( Last Hope to Life) steht im Eingang.
Ich schaue zu wie sie einen Hund nach dem anderen betäuben und kastrieren. Luiza erzählt mir, das sie versuchen werden am heutigen Tag und morgen alle zu kastrieren, außerdem sind Besitzer von Hunden aus Barlad eingeladen ihre Hunde kostenlos kastrieren zu lassen.
Ich darf auch einen Blick in den Wagen werfen, während sie arbeiten, und ich bin ganz aufgeregt, da ich noch nie bei einer Kastrationsaktion dabei war.
Unser “hope and change” Programm wird von mir betreut, somit ist das hier für mich ein kleines Highlight.
Ganz fasziniert schaue ich zu und vergesse ganz Fotos zu machen. Eins kann ich noch schießen, dann muss ich los, der Flieger wartet nicht.
Wir verabschieden uns von allen, es wird sich gedrückt und gegenseitig bedankt.

Der Weg zum Auto ist komisch, das letzte mal diese Geräuschkulisse, Welpen die einem entgegen laufen und diese Vorfreude auf Zuhause, alles auf einmal.
Ein letzter Blick auf das Shelter, ich kann jetzt nach Hause und es als Besuch verbuchen, für die Leute hier Alltag. Der Kampf um die Hunde, der tägliche Wahnsinn für so viele Hunde verantwortlich zu sein.
Wir in Deutschland sind auch verantwortlich, denke ich, an uns liegt es, für alle Hunde, die ich in 8 Tagen aus 3 Sheltern gesehen habe, zu sorgen.
Wir haben die Verantwortung für Geld zu sorgen, das für Futter und medizinische Versorgung nötig ist.
Wir haben die Verantwortung geeignete PS und Adoptanten für diese Seelchen zu finden.
Wir haben die Verantwortung für diese unermüdlichen Tierschützer vor Ort zu sorgen.
Und das alles ist nicht möglich ohne Spender, Unterstützer, Pflegestellen und Adoptanten.
Dort schließt sich der Kreis und ihr alle da draußen, die unermüdlich und auch unerschütterlich an Seelen für Seelchen e.V. glaubt, habt so einen Bericht verdient, der nicht nur schön ist, sondern auch traurig und nachdenklich, denn das ist Tierschutz.
Danke an alle.

P.S.: Der Welpe im Regal ist durchgekommen.